Mabrouk L3id

Eins der größten Feste im Islam ist das Hammelfest, bei dem Gott mit der Schlachtung eines Hammels gedankt wird. Es ist mein drittes Opferfest, dass ich in Marokko miterlebe. Und immer wieder eine neue Erfahrung.

Man spürt schon Tage vorher die Aufregung auf das Fest. Der Trubel in der Vorbereitungszeit ist ansteckend. Alle Transportunternehmen sind Tage zuvor komplett überlastet. Menschen fahren aus unterschiedlichsten Regionen quer durchs Land, um den Feiertag in der Großfamilie verbringen zu können. Züge sind überbelegt, stehend, sitzend auf den Koffern. Zwei und mehr Stunden Verspätung wird als normal hingenommen. Autobahnen sind wie beim deutschen Sommerferienbeginn der reinste stop and go. Zu Hause werden Tage vorher Großeinkäufe getätigt, die besten Kuchen und leckersten Plätzchen gebacken. Es riecht im ganzen Haus wie in einer Konditorei. Ich helfe beim backen und erfahre die eigentliche Geschichte, warum dieser Festtag einer der wichtigsten im muslimischen Raum ist. Das Opferfest erinnert an eine Geschichte, die es auch im  alten Testament gibt: Ibrahim (Abraham) hatte zwei Söhne, Ismail und Isaak. Eines Tages befahl ein Engel Ibrahim als Prüfung, seinen Sohn Ismail zu töten. Obwohl Ibrahim sehr traurig über diesen Befehl war, vertraute er Gott und wollte seinen eigenen Sohn opfern. Doch Allah befahl ihm: “Töte deinen Sohn nicht”. Statt des Sohnes opferte Ibrahim einen Widder. Zur Erinnerung an die Rettung Ismails schlachten Muslime jährlich am Opferfest ein Tier und teilen das Fleisch mit Verwandten, Freunden und Armen. Gleichzeitig bildet das Opferfest den Höhepunkt des Hadsch, der großen Pilgerfahrt nach Mekka.

Überall Schafe! Sie werden allerorts verkauft, an Straßenecken, vor dem Supermarkt, in eigens hergerichteten Verkaufsplätzen. Es erinnert ein wenig an das Weihnachtsbaum kaufen in Deutschland. Man kann eins je nach Größe, Schönheit und Preisklasse aussuchen. Nach dem Kauf wird es erst richtig spannend. Wie transportiert man das lebendige Schaf am Besten nach Hause? Es gibt die verrücktesten Ideen, meistens ist sie aus der Not geboren. Auf kleinen Hondas ist noch die angenehmste Methode, doch werden sie auch in den Kofferraum eines PKW’s gehievt oder einfach mit auf dem Motoroller zwischen Lenkrad und Fahrer gezwängt. Es blökt an allen Straßenecken. Dazu tummeln sich die Verkäufer von Heu und Grillkohle, die aneinandergereiht die Bürgersteige bevölkern. Zwei Tage vor dem Fest, hört man das Schaben und Blöcken auf den Terrassen und Balkonen. Vor dem Einschlafen zähle ich die Tage, die sie noch zu leben haben. Übermorgen ist es soweit. Morgen ist es vorbei. Dann kommt der Sonnenaufgang. Man steht früh auf, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Wenn es nicht das Familienoberhaupt übernimmt, wie der Vater Ibrahim, wird der Schlachter ins Haus bestellt. Er kommt mit seinen frisch gewetztem Werkzeug an seinem vielleicht wichtigsten auf auftragsreichstem Arbeitstag im Jahr. Die Schlachtung an sich ist kurz und schmerzlos. Es wird Gott gedankt. Bismillah.

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Und die Kehle wird mit einem kurzen sicheren Schnitt durchtrennt. Ich habe in Deutschland noch nie eine Schlachtung gesehen. Gerade wenn man gewohnt ist, die Weihnachtsgans tiefgekühlt im Supermarkt zu kaufen. Aber es war für mich das Natürlichste der Welt. Überraschend zu sehen ist auch, dass sich das Schaf nach dem Danksagungsspruch nicht wehrt. Keine Spur von Panik. Selbst das ganze Blut auf den Kacheln lässt mich nur vergegenwärtigen, wie sich die Menschheit seit jeher ernährt. Faszinierend war für mich die Prozedur des Häutens und Ausnehmens. Ein Hammel muss aufgeblasen werden, um das Fleisch reibungslos von seinem Fell zu trennen.

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Am ersten Tag des Festes wird die Leber auf Spießen gegrillt. Man nennt sie Boulfaf und ist das erste Gericht vom Hammel, dass man während des l’Aid isst. Dann werden die Innereien gekocht. Selbst wenn ich dennoch nicht alles essen möchte, da ich noch nie Bauch, Leber und Herz als Lieblingsgericht bezeichnet habe, verfolge ich alles mit Verständnis und schweife oft in Gedanken, dass es wohl meine Vorfahren auch so getan haben. Im Gegensatz zum technisch modernen Deutschland, lerne ich hier alte Traditionen und überlebenswichtige Vorgänge, die in meinem Land vorwiegend in Fabriken durchgeführt werden. Und dort selten unter artgerechter Tierhaltung. Ein marokkanischer Freund erzählte mir einmal, dass er mit einem jungen Amerikaner diskutiert hatte, der als einzige Antwort, auf die Frage, wo das Fleisch herkomme, die Fabrik erwähnte. Für ihn war das Steak ein industrielles Produkt, dass er im Supermarkt erwerben kann.

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Nach allen Säuberungsarbeiten kommt die Familie zur Ruhe und genießt einen frischen Minztee. Danach werden wir losgeschickt, den Schafskopf grillen zulassen. Wir gehen aus dem Haus in die noch sehr heiße Herbstsonne und an den Straßenecken sehe ich viele kleine Feuerplätze an denen meist junge Männer für ein bisschen Geld, die Köpfe von den Hörnern befreien und auf großem Feuer räuchern.DSC_5514k Der Geruch von verbrannter Haut mit deren Haaren hängt in der ganzen Stadt und bleibt für mich immer prägend für diesen Tag. Auf dem Rückweg sehe ich Karren voller Fälle, die in die Gerberei gebracht werden. Ich kann mir nicht ausrechnen, wie viele Schafe wohl an diesem Tag in allen muslimischen Ländern geschlachtet werden. In Großfamilien auch zwei oder drei. Es kommt mir überdimensional vor, aber gleichzeitig mache ich mir klar, wie viele Truthäne und Gänse wohl nur für  Thanksgiving oder Heiligabend im ganzen Okzident ihr Leben lassen. Es ist ungewöhnlich ruhig auf den Straßen, wo sonst ein reges Treiben und pulsierendes Leben herrscht, sieht man diesmal nur Schlächter mit blutverschmierten Umhängen und großen Messern. Ein bisschen unheimlich fühle ich mich schon. DSC_5532kAm nächsten Tag ist der Hammel fast vollständig ausgeblutet und nun geht es erst an die aufwendige Arbeit, den Hammel in seine Einzelteile zu zerlegen. Niemals vorher war mir im einzelnen bewusst, wie das Fleisch letztendlich auf den Tisch kommt. Alle Familienmitglieder helfen dabei. Sortieren und waschen. Rippen, Kotelett, Filet. Alles wird zurecht geschnitten, um sie in portionsgerechten Mengen zu konservieren. Eine anstrengende Arbeit, wo einige Familien sich doch lieber entscheiden, ihren Hammel in einer großen Supermarktkette professionell zerlegen zulassen. Eine lange Schlange von Familien mit ihren geschlachteten Schafen warten an der Fleischtheke. Überwindung hat mich das Zerteilen des Kopfes gekostet. Gehirn, Zunge und Fleisch werden für den Couscous gebraucht.

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Während wir am zweiten Tag ein Fleischragout mit getrockneten Aprikosen und Pflaumen essen, klingelt es oft an der Tür. Das Mahl wird mit Bedürftigen, die sich keinen Hammel leisten konnten, geteilt. Wir geben sie in Sandwichen weiter. Am letzten Tag, werden viele Besuche gemacht und auch empfangen. Man trifft sich, tauscht Neuigkeiten aus und isst die leckeren Biskuits, von denen ich nicht genug bekommen kann.

Langsam findet das Leben wieder in den Straßen zurück. Alles öffnet wieder. Außer die Fleischereien. Es war ihre letzte große Arbeit bevor sie in ihren Jahresurlaub gehen. Denn nach dem Fest ist jeder Haushalt für zwei bis drei Wochen genügend versorgt. Alles kehrt in den Normalzustand zurück, was bleibt sind viele Eindrücke und Bilder.

Aïd Moubarak Saïd.

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One thought on “Mabrouk L3id

  1. Der Anfang ist ein wenig gewöhnlich, doch nach dem ersten Absatz begann mich die Offenheit der Autorin zu fesseln, so dass auch die Länge des Textes keine Rolle mehr spielte.
    Was bleibt ist ein beeindruckender und sehr persönlicher Einblick in dieses Fest!

    Ich freue mich auf mehr!!!

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