Zum Tode von Roger Willemsen

Roger Willemsen ist tot. Selten hat mich das Ableben eines Menschen außerhalb meines persönlichen Umfelds ins Mark getroffen. Selten konnte ich die stark empfundene Traurigkeit meiner Freunde nachvollziehen, wenn wieder ein bekannter Musiker die Bühne verließ. Diesmal berührt mich die Todesnachricht tief. Was für viele die Musik ist, ist für mich die Sprache. Töne sind Worte. Und er konnte sie so brillant zum Klingen bringen!
Geschickt jonglierte er mit den Wörtern, formte Gedankengänge in malerische Sätze. Man konnte ihm förmlich beim Denken zuhören. Und sein Wissen ergoss sich in fast vergessenen Worten, in Bildern, die sich vor dem inneren Auge aufbauen, wenn er die Wörter in langen Sätzen miteinander neu verheiratete. Ich liebte es ihm zuzuhören, wie er Geschichten von seinen Reisen, von seinem Leben, von so vielen Menschen erzählte. Er ist einer von den glücklichen Menschen, die ihren Sinn im Leben gefunden haben und damit Andere berühren konnten. Einmal hatte ich die Chance ihm persönlich zu begegnen. Während ich die Tonangel mit Mühe unbeweglich zu halten versuchte, hörte ich ihm zu. Seine motivierende und positive Sprache sprudelte aus einem schier unerschöpflichen Wortschatz. Er sprach schnell und überzeugend. Schmeichelte dem Ohr, berührte das Herz. Er hatte viel zusagen.
Obwohl genau das Gegenteil, nämlich langsam und bedächtig, hatte ich die gleiche Berührung von herbstlicher Vergänglichkeit, als ich die Worte der Übersetzerin Swetlana Geier hörte. Im hohen Alter arbeitete sie weiterhin kontinuierlich an der Übersetzung der 5 Elefanten Dostojewski’s. Immer um eine bessere Wortfindung bemüht, die sich noch ein bisschen mehr dem Original nähert. Ihr Aussage, sie hätte keine Zeit mehr für Pausen, stand lange denkwürdig in meinem Kopf. Auch sie hatte diese Liebe zur Sprache, einen Lebenssinn, von dem ich noch viel mehr hören möchte, aber nicht mehr kann.

Der Vergänglichkeit zum Trotze werde ich wieder anfangen zu schreiben und meinen Blog zum Leben erwecken. Und wenn Andere ab und zu eine alte Lieblingsplatte auflegen, werde ich mir eine von seinen vielen Interviews anhören oder in seinen Büchern lesen, bei denen ich mir sicher bin noch viel zu entdecken, da seine Worte seiner Zeit voraus waren. Und damit lebt seine Sprache für mich weiter und er wird unvergessen sein.
Photo: http://www.rogerwillemsen.de

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