Fahrschule auf marokkanisch

Endlich mache auch ich den Führerschein. Besser spät als nie. Besondere Herausforderung, abgesehen von der schon etwas größeren Distanz zur letzten Prüfungssituation: Ich lerne die Regeln in französischer Sprache und zu marokkanischem Gesetz. Ich bin hochmotiviert.

Nach den ersten Stunden wird mir schnell klar, dass das Erlangen der Fahrerlaubnis mir mehr Einblick in die marokkanische Gesellschaft gibt, als mir zunächst bewusst ist. Von Anfang an geht es darum Wissen aufzunehmen, dass ich dann im richtigen Augenblick wieder abspulen kann. Die zu erlernenden Informationen spricht mir der Computer in den ersten Kursen vor. Der Rest steht im Buch aus dem Schreibwarenladen um die Ecke. Fakten erlernen. Ohne Notwendigkeit sie zu wirklich verstehen. Selbst bei direkter Nachfrage bei meiner Theorielehrerin, gibt es auswendig gelernte roboterartige Antworten. Wobei es mir zunächst unglaublich schwer fällt die Wortlücken in der monotonen Masse ihrer Antworten herauszuhören. Ich erkläre ihr, dass französisch auch meine Zweitsprache ist und ich einige neue Vokabeln rund ums Auto lernen werde. Indirekt bitte ich sie etwas mehr Geduld mit mir zu haben. Ihre Antwort ist nur: c’est pas grave. Ist nicht schlimm. Diesen Satz werde ich noch häufiger hören.

Kurz nach den Einführungsstunden wird mein erworbenes Wissen in unzähligen Tests abgefragt, eine Art Selbststudium. Lerne aus deinen Fehlern. Und wenn etwas unschlüssig ist, dann kommt wieder diese Roboterstimme der netten Lehrerin, die sonst eigentlich ganz freundlich ist, aber bei erneutem Nachfragen die Augen verdreht und dann nur noch sagt: Das ist so. Musst du dir merken. So ist also das schulische System, denke ich.

Umso mehr freue ich mich auf die praktischen Stunden. Der junge Fahrlehrer sieht nett aus, er fragt nach meinem Namen. Den wird er immer wieder vergessen und mich Madame nennen. In den folgenden Fahrstunden werde ich dann zur Madame Mehdi, da für ihn der Name meines Mannes erheblich einfacher zu merken ist. C’est pas grave. Es wird zum lustigen Running Gag in meinem Freundeskreis.

Der große Vorteil ist, dass ich in die Fahrschule gehen kann wann immer ich will. Innerhalb der Öffnungszeiten, ohne Termin. Ich wähle häufig den Vormittag und bin somit die erste Schülerin meines noch müden Fahrlehrers. Wenn ich morgens neben ihm ins Auto steige, dann heitere ich ihn ein wenig auf, wünsche ihm einen guten Morgen und versuche ihn auf die kommende Fahrstunde mir zu motivieren. Seit Jahren dreht er die gleichen monotonen Übungsrunden auf dem selben Parkplatz, bringt seinen Schülern das Einparken und die Kehrtwendung im 1. Gang auf Dauerkupplung bei, dass man für die Prüfung braucht. Es geht nicht darum Auto fahren zu lernen, es geht darum die Prüfung zu bestehen. Das demotiviert mich dann wiederum relativ schnell und ich gehe etwas vom Gaspedal. Das ist wirklich Schade, denke ich.

Dann geht es los! Die erste Stadtfahrt! Ich starte das Auto ohne Anweisung. Man hat ja eh schon einmal dringesessen. Eigentlich weiß jeder- außer ich- wie man Auto fährt. In Vorbereitung auf die Fahrschule sozusagen. Sitz, Spiegel, Anschnallen hab ich im Buch gelesen. Kupplung, erster Gang hab ich bei meiner Freundin gelernt. Ich lerne schnell, hältst du dich korrekt in der Spur, bist du Grund eines Hupkonzertes im gleitenden marokkanischen Straßendschungel. Ansonsten macht es unglaublich Spaß. Wir kommen bis in den 4. Gang!

Dann, bei einer Fahrt kurz vor der Prüfung, wo er neben mir schon entspannt seinen Morgenkaffee schlürft, sagt er mir, ich solle leicht bremsen, da weiter vorne ein Jeep auf der äußersten rechten Fahrbahn ausparkt. Ich tue wie mir geheißen und eine Sekunde später vollbringt er auf seiner Fahrlehrerseite eine Vollbremsung. Ich sehe ihn entsetzt an. Und frage: Warum hast du so stark gebremst? Er: Weil das Auto war ein Mädchen. Mädchen fahren nicht gut Auto. Sie fahren gut geradeaus, aber nicht parken. Ich starre ihn weiter ungläubig an. Er ist sich nicht mal bewusst, was er da gerade gesagt hat, geschweige wem er das gerade gesagt hat. Und das schlimmste ist, ich kann nicht einmal mit ihm darüber diskutieren, da sich das Niveau meines Marokkanisch und sein Französisch stark in Grenzen hält. Ich habe einen innerlichen Wutanfall, kann nicht mal c’est pas grave denken und biege direkt in den ruhigen Übungsparkplatz ein. Bald ist es geschafft, denke ich.

Der Tag der Prüfung ist gekommen. Ich kann nicht behaupten, dass ich nicht aufgeregt bin. Am meisten vor der Theorieprüfung, von Wegen fiese französische Vokabel. Die Fragen sind einfacher als gedacht und ich finde mich auf dem praktischen Prüfungsfeld mit dem zu bewältigendem Parcours wieder. Und da begreife ich, dass ich aus einer der besseren Fahrschulen komme. Ich sehe Autos in miserablen Zuständen, ein junger Anwärter dreht den Schlüssel mehrmals um, und das Auto will einfach nicht anspringen. An seiner Stelle wäre ich vor Aufregung schon geplatzt. Bei einem Anderen wird das Innenleben unter der Motorhaube gleich von mehren Fahrlehrern in Augenschein genommen. Das Auto aus meiner Fahrschule ist mit Abstand das Modernste und im besten Zustand. Ich seufze erleichtert. Mein Fahrlehrer spricht mir Mut zu, trinkt, sich fröhlich unterhaltend mit den anderen Fahrlehrern, seinen Coffee to go, während ich mich durch den zweiten Teil des Examens schlängle und fast mehrmals von Anderen Autos gestreift werde, die leider keine so leichte Servolenkung haben, wie ich. Der dritte Test besteht dann darin, dem Prüfer zu zeigen, dass ich fähig bin vom ersten in den zweiten Gang zu schalten. Geradeaus fahren. Schleife, Ausgangspunkt, Bestanden !

Nach abgelegter Prüfung sehe ich den marokkanischen Straßenverkehr mit ganz anderen Augen. Und ich gestehe mir ein, dass ich für das bisschen Geld, das ich bezahlen musste, genau das bekommen habe, was es wert ist. Nun wird in zusätzliche Fahrstunden investiert und im marokkanischen Straßenverkehr geübt. Im ersten Jahr darf ein Anfänger nicht schneller als 90km/h fahren. Reicht für’s Erste. Der Rest kommt von Alleine. Lerning by doing.

 

 

 

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